Anders, als man denkt

Anders, als man denkt

Es ist ein bewölkter Samstagvormittag. Die Müllverbrennungsanlage Spittelau ragt im fahlgrauen Licht vor mir auf. An der Kreuzung, die hinunter zum Werk und zur Grellen Forelle führt, mache ich einen Bogen um die Kotze am Gehsteig. Während Wien hart gefeiert hat, brannten die Wälder in Sibirien schon, wir wussten es nur noch nicht.

Mein erster Kontakt mit Extinction Rebellion (XR) steht an: NVDA (Nonviolent Direct Action) Training – Gewaltfreies Aktionstraining. Mehrere Monate sind vergangen, seit mich die ersten Bilder aus UK auf Facebook erreicht und nicht mehr losgelassen haben: Ein alter Herr spricht gefasst in feinstem British English in die Kamera, während er von der Polizei abgeführt wird. Ein Priester mischt sich unter die Menge – er setze sich für die Rettung von Gottes Schöpfung ein. Die Vielfalt der Menschen, ihr Mut, ihr klares Bekenntnis zum Leben und zu unserem lebendigen Planeten, all das berührte mich zutiefst.

XR Fahne vor dem BUndesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus

Zwei junge Mädchen kommen mir entgegen: Ja, auch sie sind unterwegs zum XR-Training. Nach einigem Herumirren finden wir den Raum und werden gleich freundlich in Empfang genommen. Die Atmosphäre ist offen, man geht achtsam miteinander um. Langsam füllt sich der Sesselkreis mit Menschen. Viele Junge, wenig Ältere. Das stimmt mich ziemlich nachdenklich.

Ich bin in einem Lebensabschnitt, in dem das Stürmen und Drängen bereits hinter mir liegt. Ich habe nichts ausgelassen und blicke ohne Wehmut zurück. In meinem Freundeskreis wurde geheiratet, Häuser und Wohnungen wurden gekauft, Kinder wurden geboren, Karrieren aus- und Selbstständigkeiten aufgebaut. Wir sind alle sehr beschäftigt, wir wollen alle etwas erreichen, wir sind alle ziemlich in Ordnung. Ich habe keine Kinder, um deren Zukunft ich mir Sorgen machen müsste – dennoch bin ich eine der ganz wenigen Ausnahmen, die sich vegan ernährt und kein Auto besitzt. In mir steigt die Frage auf, ob es tatsächlich sein kann, dass mir mehr am Überleben ihrer Kinder liegt als ihnen selbst? Dass ich diese Gedanken habe, bedrückt mich. Ich lebe Loyalität in meinen Beziehungen. Ich liebe aber auch die Wahrheit… Regenwald wird für immer vernichtet, Grönland taut auf wie ein sperrangelweit geöffnetes Tiefkühlfach am Badestrand. Wieso leben wir so, als hätte all das nichts mit dem zu tun, WIE wir leben? Ich kann unser Selbstverständnis, intelligente und verantwortungsvolle Menschen zu sein, nicht mehr nachvollziehen.

Das Training beginnt. In den folgenden Stunden lerne ich, dass ich nicht alleine bin mit meinen Gedanken und Sorgen. Ich lerne, wie ich mich korrekt im Polizeikontakt verhalte, sollte es im Zuge einer Aktion dazu kommen. Ich lerne, dass es bei XR um Gewaltfreiheit, zivilen Ungehorsam und das Einstehen für etwas geht.

Beim Verabschieden sage ich, dass sich alles erst mal setzen muss. Außerdem – ich arbeite Vollzeit, habe bereits ein ehrenamtliches Engagement, befinde mich in berufsbegleitender Ausbildung. Ich muss mal schauen…

Zwei Tage später sehe ich mich aus der Vogelperspektive: Ich liege vor dem Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus auf der Straße. Es ist mein erstes Die-in. Mein Verstand fragt mich: Was machst du da?

Beim anschließenden Flyern am Platz der Menschenrechte begegne ich meinem ersten Hater. Seine Worte fühlen sich an wie ein dumpfer Schlag gegen meinen Brustkorb. Ich überreiche einem jungen Mädchen einen Flyer mit den Worten, dass wir zum heutigen Tag alle Ressourcen des Planeten aufgebraucht haben. Sie blickt mich mit einer Mischung aus Erschrecken und Verzweiflung an. Ich spüre einen Kloß im Hals, meine Augen werden feucht. Ich lerne, dass aktiv werden weh tun kann.

Ich laufe vor diesen unbequemen und unangenehmen Gefühlen nicht davon. Wohin denn auch? Zurück geht nicht mehr. Vor mir brennt die Welt und der Meeresspiegel steigt.

Fünf Tage später lerne ich beim nationalen Treffen von XR Austria, dass es viele offene Fragen gibt. Ich lerne, dass es viel Spannendes zu tun gibt, wovon ich in meiner gesamten persönlichen und beruflichen Entwicklung profitieren kann.

Weitere fünf Tage vergehen, ein XR Picknick im Augarten steht an. Ich bin fasziniert davon, wie Menschen aus freiem Willen zusammenkommen und sich ohne Weisungen „von oben“ selbst organisieren. Dann höre ich mich selbst von Inspiration sprechen. Was passiert mit mir?

Zweieinhalb Wochen sind vergangen. Bevor ich mich heute Morgen auf den Weg zur Arbeit mache, blicke ich mir selbst im Spiegel in die Augen und gebe es endlich zu.

Mein Herz steht in Flammen.

Ich begreife, dass ich eine Rebellin für das Leben geworden bin.

Maja Orlova