Rebel Tour durch Österreich

von Aug 5, 2020Rebel Tour 2020

Rebel Tour durch Österreich – Aktivistin Aliena erzählt, worum es ihr bei der Tour geht

-von Aliena Knappe

Ich möchte euch erzählen wer ich bin und warum ich die Tour der Radelnden Rebell*innen durch Österreich mache. Aber erst möchte ich, dass ihr euch überlegt, wann ihr das erste Mal das Ausmaß von dem Klimawandel und der Umweltzerstörung begriffen habt. Wann habt ihr euch das erste Mal gefragt: Um Himmels Willen, ich muss unbedingt etwas dagegen unternehmen?!

Eigentlich kann man das potentielle Ausmaß auch gar nicht begreifen, weil wenn man es versucht, dann zieht es einem den Boden unter den Füßen weg. Außerdem ist unsere Welt so groß und die Wechselwirkungen so komplex, dass solche globalen Katastrophen schlicht und einfach unsere Vorstellungskraft überschreiten.

Aber das erste Mal, dass ich zumindest glaubte einen Schimmer davon bekommen zu haben, was passieren könnte, war als ich den Film An inconvenient truth (Eine unbequeme Wahrheit) von Al Gore sah. Das, was die im Film vorkommenden Zahlen und Daten vorherzusagen schienen, war überwältigend. Ich musste unbedingt etwas tun und war hochmotiviert.

Zwei Jahre später schaute ich mir den Film nochmal mit meinem damaligen Freund an. Es war das Gleiche wie beim ersten Mal. Ich war fassungslos und wütend. Aber es mischte sich auch etwas anderes in meine Gefühle: Schuld. Was war geworden aus meinem Willen etwas zu tun?? Ich hatte zwei, drei vorwurfsvolle Diskussionen mit meinen Eltern geführt, dass wir doch etwas tun müssten, woraufhin sie vehement ihr Verhalten gerechtfertigt hatten. Ohne irgendwelche Anhaltspunkte, was ich jetzt tun sollte hatte ich wieder aufgegeben. Mein Exfreund und ich sprachen lange darüber, warum das so war und beschlossen, dass wir wirklich etwas tun mussten und es diesmal anders angehen würden.

Zweiter Anlauf – Vorträge und Greenpeace

Wir setzen uns konkrete Aufgaben, die wir tun wollten, um dieses Ziel zu erreichen. Ich schlug vor, dass ich meiner früheren Geographielehrerin schreiben könnte, ob wir nicht einen kleinen Vortrag zusammen mit dem Film vor einer ihrer jetzigen Oberstufenklassen präsentieren könnten. Außerdem wollten wir bei Greenpeace aktiv werden und machten das Team in München ausfindig.

Weitere zwei Jahre später beschäftigte das Thema mich immer und immer wieder, aber getan hatte ich doch nichts. Nach der anfänglichen Motivation bei der Greenpeace-Einführungsveranstaltung waren wir genau einmal zu einer tatsächlichen Mitgliederversammlung gegangen. Die wiederkehrenden Gedanken über die Problemstellungen unserer Umweltzerstörung führten letztlich dazu, dass ich mich entschied meine Bachelorarbeit in Philosophie über die Mehrdimensionalität der Grenzen des Klimawandels, im Sinne von physischen, psychischen und sozialen Grenzen, anzufangen. Ich las die The Limits to Growth (Die Grenzen des Wachstums) und war schockiert. Ich las das Handbuch Globale Klimapolitik – und war verzweifelt. Ich kann gar nicht mehr sagen wie oft ich das dicke Buch aus Frust am liebsten von meinem Balkon geworfen hätte. Ich musste immer wieder Pausen machen, um das zu verarbeiten, was ich da las und um meine Emotionen und Gedankenstürme zu beruhigen (Das hatten bis dahin nicht einmal die besten Romane geschafft). Manchmal stand ich energiegeladen auf dem Balkon und wollte sofort anfangen etwas gegen den Klimawandel zu tun. Bis ich mich wieder darauf besann, dass diese Motivation zur Aktion mitten in der Nacht (was meine gewöhnlichen Studierzeiten sind) vollkommend absurd war.

Auseinandersetzung mit den Fakten – Bücher und Studium

War der Tag wieder da, gab es wieder andere Dinge zu tun und ich vergaß – oder zumindest zum Teil, denn so ganz ließ es mich nicht mehr los. Je länger ich mich damit beschäftigte, umso intensiver wurde es. Ich hatte irgendeinen Punkt überschritten, seitdem ich die Bücher nicht mehr wegschmeißen wollte (weil mir vor dem, was in ihnen stand, so graute), sondern immer noch mehr wissen wollte und die Bücher verschlang.

Letztlich führte das dazu, dass ich nun auch versuchte in meinem zweiten Studiengang, der Psychologie, meine Themen in Richtung Umweltpsychologie zu verschieben. Im Herbst 2019 erhielt ich dann die Möglichkeit ein umweltpsychologisches Praktikum in Berlin zu machen. Es war das erste Mal, dass ich mich 40 Stunden in der Woche mit dem Thema auseinandersetzen konnte. Wieso verändern wir unser Verhalten nicht, was macht unsere Konsumgewohnheiten so umweltschädlich und mit weiteren Fragen beschäftigte ich mich. Nach dem Ende der ersten zwei Wochen hörte mein Gehirn auf einmal nicht mehr auf über die Problematik nachzudenken. Egal wo ich war und was ich tat in meinem Kopf wurde es zum omnipräsenten Dauerthema. Ich fing an meine Ernährung von vegetarisch auf vegan umzustellen, rührte mein eigenes Shampoo aus Natron und Mehl zusammen (wobei ich im später lernte, dass diese Variante anscheinend doch nicht so umweltfreundlich war, weil zwar das Abflussprodukt besser war als klassische Shampoos, dafür aber die Herstellung sehr umweltschädlich sei…so viel zu man will sich richtig verhalten) und begann jedes Produkt, jede Tätigkeit und jede S-Bahnfahrt die Dinge aus anderen Augen zu sehen.

Ich fing an im Büro zu bleiben, während die eigentlichen Mitarbeiter bereits nach Hause gegangen waren. Oft so lange, bis in dem Gebäude kein Licht mehr außer meinem brannte. Das war mir dann meistens so unangenehm, dass ich das Büro verließ, nur um zur Humboldt-Universitäts-Bibliothek zu fahren und dort bis 24 Uhr weiterzumachen. Mein Gehirn ratterte von morgens bis abends im Kreis was in aller Welt die Lösung dieses Problems sei. Das Frustrierende war, die ganze alte Literatur von vor 20 oder 30 Jahren zu lesen. So viele intelligente Menschen, die analysiert hatten, welche Ursachen diese drohende Katastrophe hatte. Nicht nur auf der naturräumlichen Ebene, sondern auch auf der politischen und gesellschaftlichen. Marktversagen, Staatsversagen, die Drehtür zwischen Wirtschaft und Politik, all das wurde von vielen nicht nur beschrieben, sondern auch einleuchtende Lösungen vorgeschlagen.

Aber wieso waren wir drei Jahrzehnte später an der Stelle, an der wir nun sind?!

Extinction Rebellion tritt in mein Leben

Und dann traf ich auf Extinction Rebellion (XR).
Mehr per Zufall als beabsichtigt war ich beim Klimastreik für kurze Zeit in eine Straßenblockade von Ende Gelände geraten. In der Woche darauf war ich bei einer Podiumsdiskussion, wo ein deutscher Politiker und eine Politikerin das gerade beschlossene (absolut unzureichende!) Klimapaket auf so absurde Art und Weise vor Luisa Neubauer zu rechtfertigen versuchten, dass ich nicht zu beschreiben vermag wie fassungslos ich war.

Eigentlich war ich nicht mal sicher gewesen, ob ich überhaupt zu der Diskussion gehen sollte, weil ich hatte niemanden mit dem ich zusammen hingehen hätte können. Und auch wenn ich das bei anderen niemals als komisch empfinden würde, fühlte ich mich unwohl alleine auf Veranstaltungen zu gehen. Als ich dort saß, von dem ich ein paar darauf liegende Zettel eingesteckt hatte, war ich unendlich froh darüber mich überwunden zu haben. Ich begriff, dass ich mich viel zu häufig davon einschränken ließ, was andere Menschen möglicherweise über mich dachten. Schließlich ging es mir ja eigentlich um den Inhalt.

Ich treffe eine Entscheidung und werde Aktivistin

Als ich an diesem Abend nach Hause fuhr, war meine Ungläubigkeit riesig. Wenn die Regierung unser Gemeinwohl und das zukünftiger Generationen sicherstellen soll, wie konnte ein derart unzureichendes Klimapaket verabschiedet werden. Ich war immer noch aufgewühlt, als ich mir in meinem winzigen Studentenzimmer (das mit dem gelben Anstrich, den grünen Türen und den verschlossenen Metallboxen im Kühlschrank tatsächlich mehr einem Gefängnis glich) die Zettel von meinem Sitzplatz anschaute. Einer davon war von XR mit dem typischen Vogel und der Ankündigung der Rebellionswoche im Oktober.

Um das Ganze an dieser Stelle etwas abzukürzen: Ich ging am nächsten und gleichzeitig vorletzten Tag meines Berlin-Aufenthalts zu einem Aktivist*innentraining (Wobei ich auf dem Weg dorthin mindestens zehn Mal kurz davor war umzudrehen – was in aller Welt tat ich denn da schon wieder?? Alleine zu irgendeinem Camp vor den Bundestag stapfen, wo man über zivilen Ungehorsam aufgeklärt werden sollte??? Aber die letzten Wochen und all das Wissen in meinem Kopf trieben mich weiter anstatt umzukehren).

Wenn ich bei der Podiumsdiskussion unendlich froh gewesen war hingegangen zu sein, dann war mir nach diesem Treffen bereits klar, dass es mein Leben ganz maßgeblich verändern würde. Die Prinzipien von XR, die drei Forderungen nach umfassender faktenbasierter Information der Bevölkerung, unmittelbaren Entscheidungen und einem geeigneten Werkzeug (die zufällig gelosten Bürger*innenräte nach irischem Vorbild) waren so durchdacht und einleuchtend, dass ich wusste, was ich tun sollte.

Als ich nach Innsbruck zurückkam war mir bewusst, dass es nicht einfach werden würde (und so war es auch: bei den ersten Malen, wo ich vor Leuten redete wollte ich am liebsten im Boden versinken), aber das hielt mich nicht mehr ab. Im Unterschied zu all meinen ersten Motivationen war der Drang zu Handeln einfach zu groß.

Warum ich diese Tour mache

Ich mache diese Tour, weil es irgendwann einfach reicht. Ich redete mich immer wieder aus meiner Verantwortung heraus, in der Hoffnung die Politik würde den entscheidenden Wandel schon noch vorantreiben. Weil letzteres nicht passiert ist, hatte ich die Pflicht etwas zu tun.

Ich mache diese Tour, weil ich davon überzeugt bin, dass bei vielen von euch die Fässer kurz vorm Überlaufen sind, so wie es meines in Berlin war.

Ich mache diese Tour, weil wir als Gesellschaft in einen respektvollen Diskurs trotz der unterschiedlichsten Ansichten gehen müssen.

Ich mache diese Tour, weil es im Moment schwerer ist sich umweltfreundlich zu verhalten als umweltzerstörerisch und es das einfach nicht sein kann.

Ich mache diese Tour, weil ich denke, dass wir in Österreich das Potential haben einen gesellschaftlichen Wandel zu schaffen, der unsere Naturlandschaft erhält und eine starke, belastbare Gemeinschaft fördert. Wenn dieser Impuls von Bürger*innenräten ausgeht, dann tragen Bürger*innen einen solchen Wandel auch mit.

Ich mache diese Tour, weil ich den Menschen sagen will, dass sie nicht schweigen dürfen nur weil sie keine Expert*innen sind. Ich sage es euch auch mit drei Studiengängen (Geographie kam letztes Jahr dann auch noch dazu) kann man immer noch nicht ansatzweise alles überblicken, aber das darf uns nicht davon abhalten, Widerstand gegen die aktuellen Missstände und Zukunftsentwicklungen zu leisten. Denn alles, was wir wissen müssen, wissen wir: Das Zeitfenster, das wir noch haben um die Klimakatastrophe zu verhindern schließt sich gerade, während die Treibhausgasemissionen weiter steigen.

Mir bleibt also nur noch zu fragen:

Resignierst du noch oder rebellierst du schon?

Love and Rage,

Aliena

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