Wo sind die eigenen Grenzen?

von Sep. 24, 2020Rebel Tour 2020

Niederösterreich
16.9 Melk – Krems

Zu viert starten wir am nächsten Tag durch die Wachau. Den Weinbergen sieht man an, dass sie harte Arbeit erfordern. Beim 1000 Eimer Berg bei Spitz erzählt mir Alois, dass durch ein regional heftiges Unwetter der Hagel die Blätter von den Reben gerissen hat und teils auch die Trauben erwischt hat. Ein Phänomen über das ich schon mit Winzern im Burgenland gesprochen habe.

Ansonsten erinnern mich die lieblichen kleinen Orte entlang des Flusses mit der angenehmen und spaßigen Begleitung an eigene Familienurlaube. Schon spannend wie sehr einen das eigene Wissen doch prägt. Die unschuldige Weltsicht von früher, wo ich nachts begeistert im Auto saß und fasziniert den Rücklichtern der Überholenden hintergeschaut habe, ist nicht mehr rückholbar. Trotzdem ist es immer wieder wichtig das Entstehen des eigenen Standpunkts und seine Sicht auf die Dinge zu reflektieren, um sich eben auch der Konstruktion der eigenen Wahrnehmung bewusst zu sein.

In Krems halte ich eine kleine Rede. Leider an einer ungünstigen Stelle, wo niemand sitzt und es zeigt sich mal wieder, was für ein Herdentier der Mensch ist. Denn wenn niemand steht und zuhört, dann bleiben die anderen auch erst Recht nicht stehen. Wie spannend weil sich inhaltlich nicht viel von der Rede in Wels unterscheidet, wo einige Leute schon saßen und dann mehrere stehen geblieben sind. Letztlich bleiben dann doch drei unterschiedliche Menschen stehen, die dann mit mir diskutieren. Die Einstellung des einen Mannes, dass das doch alles nicht nützt, macht Erschöpfung in mir breit. Ich frage mich ja selbst oft genug, ob ich mit dieser Tour wirklich ein paar Anregungen geben kann oder ob sie tatsächlich rein gar nichts bewirkt. Aber wir können doch nicht einfach dabei zuschauen, während wir wissen, dass wir Hauptverursacher des Problems sind. Ja es wurde schon viel versucht und trotzdem geht der Trend weiter, aber das ist doch kann doch keine Ausrede dafür sein gar nichts zu tun. 

Trotzdem bin ich müde, denn auch mit der Anmeldung für die Raddemo klappt mal wieder nichts. Der Startort soll verschoben werden und ich habe erst gestern morgen 200 Flyer in Amstetten drucken lassen (mal abgesehen davon, dass es echt nicht billig ist, habe ich mich dabei auch schon wieder gefragt wie sinnvoll nun der Papierverbrauch für die Flyer ist). Bevor ich weitergehe muss ich mich erstmal sammeln und bleibe über das Rad gebeugt einfach auf dem Gehweg stehen und fange an die ganzen Neuigkeiten in der Gruppe zu lesen. Und auf einmal sprechen mich vier Menschen hintereinander an, was ich mache und sind total begeistert.

Mit einem Herrn komme ich tiefer ins Gespräch und nach diesen kurzen Begegnungen hat meine Laune bereits wieder eine Kehrtwende gemacht. Von der Mauer bei einer Kirche betrachte ich wie die Sonne hinter den Hügeln verschwindet. Der Gesang aus der Kirche passt zu dem Moment und ich merke wie sich die emotionalen Verwirbelungen durch die ständigen Diskussionen legen. Ich versuche mir immer anzuhören, was die Menschen zu sagen haben, aber manchmal kann das bei einem Thema wie dem Klimathema, wo jeder eine Meinung hat ganz schön anstrengend sein, weil mir dann jeder versucht wird im Detail zu erklären, ob wir jetzt E-Autos brauchen oder nicht, Atomstrom oder nicht usw. All das sind wichtige Debatten, aber manchmal habe ich das Gefühl wir verlieren uns in Einzeldiskussionen und finden nicht mehr heraus zu einer übergreifenden Problemlösung.

17.9 Krems – Tulln (Reichersberg)
Morgens rufe ich einen Beamtenwegen des verschobenen Startpunktes der Demo bei der Landespolizeidirektion an. Als dieser mich mehrfach fragt, ob ich richtig sei und mir dann sagt ich habe einen falschen Akzent, ist der Frust wieder zurück. Ja ich spreche sehr deutsch und trotzdem habe ich seit meiner Geburt die österreichische Staatsbürgerschaft. Ständig fange ich auch bei Gesprächen auf der Straße an mich dafür zu rechtfertigen. Warum eigentlich? Wie geht es bloß den Leuten, die keine österreichische Staatsbürgerschaft haben? Wollen wir, dass diese nichts sagen dürfen?

Beim Frühstück mit Marlene (von Fridays For Future Krems) werde ich durch ihre eigene Geschichte von einer weniger freundlichen Begegnung bei den Behörden aufgemuntert. Auch wenn sie hauptsächlich positive Kontakte hatte, so gab es doch eine Situation, in der sie in Tür stehen geblieben ist um sich Gehör zu verschaffen. Ihre Worte zeigen mir mal wieder, dass wir dranbleiben müssen, auch wenn es manchmal unangenehm ist. Sie begleitet mich noch ein ganzes Stück aus Krems hinaus und wir haben Zeit über Aktivismus, aber auch über Geschehnisse wie im Flüchtlingslager Moria zu sprechen. 

Mit einem neuen Sticker auf meinem Rad mache ich mich alleine weiter auf den Weg nach Tulln, wo ich Christof wiedertreffe. Zusammen übernachten wir bei einer Bekannten von ihm, die bei den Grünen tätig ist und genießen einen diskussionsreichen Abend voller spannender Gedankenanstöße.

18.9 Tulln – St. Pölten
Nach einer Führung von Tristan durch den Garten ganz nach Permakulturstil mit Kräuterspirale, kleinen händisch angelegten Bereichen, etc. und der Fläche für die Solidarische Landwirtschaft muss ich mich auch schon wieder verabschieden, denn das Wochenende in der Landeshauptstadt ruft. 

Die Leute, die am Abend zum Vortrag kommen sind politisch recht aktiv und so entsteht am Ende noch eine spannende Diskussion über die Planungen zur S34 und anderen örtlichen Themen. Generell war der Abend sehr positiv und der Wechsel zwischen Marthas wissenschaftlichem Teil und meinen Erzählungen über das aktive durch Österreich Radeln war gut gelungen.

19.9 St. Pölten 
Nachdem ich die Nacht bei Georgina verbringen durfte, stehe ich sehr erholt auf. Dann verbringe ich wieder Stunden in Gesprächen beim Flyern (was mir an dem Tag wieder schwerer fällt) und als ich schon völlig ermattet mit meinem Rad über den Rathausplatz laufe spricht ausnahmsweise mal mich jemand an. Es ist Harald Ludwig der Vizebürgermeister von St. Pölten, der von meiner Tour mitbekommen hat und mich nun erkannt hat. Bei einer Einladung zum Mittagessen tauschen wir viele Gedanken aus und ich kann mich vom Flyer verteilen und Leute ansprechen erholen. Seine offene, natürliche und herzliche Art ebenso wie seine positive Energie machen es leicht verständlich, dass er in dieses Amt gekommen ist. Ich jedenfalls bin sehr froh, dass ich ihn kennen lernen durfte!

Um 17 Uhr startet dann die Kundgebung zum Rebel Ride in St. Pölten. Thema ist die Bodenversieglung, bei der Niederösterreich pro Kopf gerechnet an zweiter Stelle liegt. Laut Umweltbundesamt sind 41.4% der Landesfläche versiegelt, also in irgendeiner Form verbaut. Damit liegt Niederösterreich allerdings sogar im Bundesschnitt – was leider nicht positiv ist, denn so kommt es, dass Österreich in der EU Spitzenreiter ist, was die Bodenversieglung angeht. 

Deshalb geht es auch beim Rebel Ride durch eine Gegend, in welcher die Streckenplanung der S34 verläuft. So wie auch schon der Konsum ist der Mobilitätsbereich und damit verbundene Verbauung ein entscheidender Sektor, für den es Beschlüsse aus Bürger*innenräten heraus geben sollte.

20.9 St. Pölten
Am Sonntag habe ich Zeit mit Dieter eine Folge über St. Pölten als Klimahauptstadt aufzunehmen. Er ist ein Mensch mit viel Lebenserfahrung, Hartnäckigkeit und achtsamer Einstellung zugleich. Besonders freut es mich auch, dass ich am Abend nochmals Zeit habe mit Georgina zu essen und nachts durch die Auen zu schlendern. Highlight: Wir klingeln an einem Bahnübergang und sie erklärt mir, dass da jetzt tatsächlich jemand schaut und wenn nichts kommt, die alte Schranke für uns hochfährt. 

Sie und ihr Freund haben außerdem das wirklich coole Projekt „Exit Green“ gestartet und ich habe mich von Anfang an bei ihr unglaublich wohl gefühlt. Dass ich auf ihrem Flügel mal wieder ein paar musikalische Töne spielen konnte, hat mich ebenso innerlich beruhigt wie die offenen und kritischen Gespräche, die ich mit ihr führen konnte. Wir haben diverse Fragen diskutiert, angefangen von wie weit man bereit ist für eine aktivistische Bewegung zu gehen, wo die eigenen Grenzen sind und wo man eben vielleicht auch selbst zu sehr im System verhakt ist und sich der Sicherheit dieses Systems doch nicht ganz entbehren möchte. Ich hätte jedenfalls noch Ewigkeiten mit ihr weiterreden können und danke ihr aus ganzem Herzen für die schöne Zeit.

Mit Mut & Liebe,
Aliena

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